Jahrtausendsprünge in Köln


Zeitsprünge: Symphonisches für Orgel

Ein großartiges Ereignis von höchstem, musikalischen Rang war die Uraufführung der "Jahrtausendsprünge" für Orgel solo, die am Sonntag in der Hofer Stadtpfarrkirche St. Marien stattfand. Der international renommierte Komponist Bernfried Pröve stellte sein Orgelwerk von symphonischen Ausmaßen selbst an der historischen Steinmeyer-Orgel vor.

Pröve begriff den Jahrtausendwechsel als Anstoß zur Selbstreflexion ebenso wie zu einer eingehenden Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Rompositionstechnik, die er verwendet. Licht und Klang, physikalisch eng verwandte Phänomene, verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, das den neugotischen Hallenraum der Marienkirche bis in den letzten Winkel mit seinen changierenden Klangflächen erfüllte. Melodische Einsprengsel, die in ihrem Aussagegehalt an mittelalterlich modales Formelmaterial gemahnten, bildeten in ihrer archaischen Kraft ein verbindendes Element auch über den ersten Jahrtausendsprung christlicher Zeltrechnung hinweg. Vom Urlicht über die Schöpfungsprozesse und die Entwicklungsformen menschlichen Seins bis zur Befreiung im neuen Licht entfalteten sich die Zeitsprünge in 13 Abschnitten, in deren zahlensymbolischer Aussage sich die 6 als potenzierte Trinität ebenso verbirgt wie die Verbindung von Himmel und Erde in der 7, die sich aus 3 und 4 zusammensetzt. Dem interessierten Publikum wurde ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit abverlangt, das, wie der begeisterte Applaus zeigte, gerne und mit großem Gewinn gegeben wurde.

Die Zeitsprünge waren eingebettet in ein konzertantes Konzept, das Stadt- und Dekanatskantor Ludger Stühlmeyer, künstlerischer Leiter der Konzertreihe in der Marienkirche, in seinen Begrüßungsworten erläuterte. Am Beginn stand eine Kornposition von Anton Bruckner. Aus aktuellern Anlass erklangen der Psalm 104 für Altstimme und Orgel sowie die "Stimmen gegen den Krieg" von Bernfried Pröve, souverän interpretiert von Zene Kruzikaite. Zielpunkt und Bestätigung des Grundgehaltes der Zeitsprünge bildete dann, wie Stühlmeyer erläuterte, die "Apparation de L'eglise eternelle" von Olivier Messiaen, die als Erscheinung der ewigen Kirche auch die Verbindung zum Pfingsttag, dem Geburtstag der Kirche, darstellte.

Pröve zeigte sich am Sonntag nicht nur als faszinierender und facettenreicher Komponist, er präsentierte sich auch als ebenso virtuoser wie einfühlsamer Interpret eigener und anderer Werke. Das Publikum dankte ihm mit lang anhaltendem Beifall.

Barbara Stühlmeyer, Frankenpost, 22. Mai 2002