Preisträgerkonzert in Stuttgart

 
Preisträgerkonzert

Beharrlich zum Ziel

Früher oder später rückt fast jeder Musiker, der einmal mit einer Fördergabe beim Kompositionswettbewerb der Stadt Stuttgart ausgezeichnet worden ist, bei genügend Durchhaltewillen auf einen der ersten Plätze vor. Tatsächlich hätte Bernfried Pröve (28) schon im vorigen Jahr einen 1. Preis für das Monsterstück „Brennend" verdient gehabt. Mit dem nachgereichten „Athaer" zeigte sich der Yun-, Huber- und Donatoni-Schüler beim Preisträgerkonzert in der Alten Reithalle von neuem als hochbegabter Instrumentator von imponierender Suggestivkraft.
Claus-Steffen Mahnkopfs instrumentales Requiem für Beckett „II faut continuer" (Fördergabe) dagegen ist trotz - oder gerade wegen - des „maximalistisch-komplexistischen Ansatzes" wohl das mit Abstand sprödeste, schwächste Stück des langen Abends. Bei Klaus Karl Hübler (35), Schüler u. a. von Brian Ferneyhough, erregt in „Epiphyt" (2. Preis) mehr die virtuos in Kadenzfeldern sich verströmende Soloflöte (bravourös Pierre Yves Artaud) Aufmerksamkeit als das rigoros konstruktivistische Moment seines Komponierens.
Mit Recht wurde dem gebürtigen Ludwigsburger Dr. med. Jochen Herfert (36) - einem Berufsumsteiger - u. a. für sein Stück „TTS für Mezzosopran und 5 Instrumente" eine Fördergabe zuerkannt: Aus (glissandierenden) Melodien entwickeln sich Klänge, wobei die breite vokale Artikulationspalette des Mezzos von Yumi Koyama als gleichberechtigter Instrumentalkörper verstanden wird - eine handwerklich gut gelungene Arbeit.
Den 3. Preis erhielt der Argentinier Juan Manuel Chavez (33), ein Schüler Klaus Hubers, für „Folklore Planetaire". Es ist das unmittelbar ansprechendste, in seiner solistischen Instrumentation und Farbigkeit sicherlich auch das „konventionellste" aller Ensemblestücke.
Manfred Schreier und sein exzellentes Junges Philharmonisches Orchester Stuttgart musizieren jedes einzelne Stück mit beeindruckendem Engagement - ein Glücksfall für die hiesige Neue-Musik-Szene. Differenzierter Beifall nicht eben zahlreich erschienener Insider und Stadträte, in deren Anwesenheit Oberbürgermeister Rommel den Preisträgern die Urkunden überreichte. 

Helmuth Fiedler, Stuttgarter Nachrichten, 06. Mai 1991