Konzert in St. Katharinen Braunschweig


"Werft ihn in die nächste Zisterne!"

Gute laute Nachricht: Bernfried Pröves Oratorium "Josef und seine Brüder" in Braunschweig uraufgeführt


Wenn’s der Hauptfigur am schlechtesten geht, geht’s dem Stück am besten. Diese Faustregel gilt auch für Bernfried Pröves faustdickes Oratorium "Josef und seine Brüder", das am Samstag in Braunschweigs Katharinenkirche uraufgeführt wurde.

Wenn nämlich das kraftvolle orchestrale Zwischenspiel tüchtig viel Spannnung aufgebaut hat, die in dem brüderlichen Ruf "Schlagt ihn tot und werft ihn in die nächste Zisterne!" so garstig klangvoll sich entlädt, wenn wenig später auf den drei Riesen-Leinwänden die Tänzerin Daniela Grubert zu sehen ist, wie sie, die Augen schmerzvoll aufgerissen, die peinigende Enge des Brunnens tastend veranschaulicht, dann denkt man wirklich: starkes Stück!

Zumindest phasenweise erreicht Bernfried Pröve, der 1969 in Braunschweig geborene Komponist, sein deutlich, fast überdeutlich erkennbares Ziel: die Menschen zu packen, emotional zu ergreifen durch seine Beschwörung der biblischen Josefs-Geschichte. Pröve verbindet vieles mit vielem: plakativ satte Akkorde mit raffinierter Klangmalerei, reich instrumentierte Orchestermusik mit imposantem Orgelspiel und Einspielungen elektronisch erzeugter Musik, zwei stattliche Chöre mit einem Kammerchor, solistische Gesangs- mit solistischen Sprecherparts – und das musikalische Ganze mit den Video-Einspielungen einer Tänzerin, die aber auch leibhaftig durch die voll besetzten Reihen schreitet.

Da darf, als nun wirklich schmeichelhafter Vergleich, ruhig mal an jenen Satz erinnert werden, den ein Wiener Chorist einst nach der "Fidelio"-Uraufführung gesagt haben soll: "Ist schon a Strapaz’n."

Selbstverständlich ist solch ein Aufwand, ist solch eine Vielzahl von Mitwirkenden sowohl technisch, allzutechnisch als auch menschlich, allzumenschlich mit erheblichen Risiken verbunden. Doch einmal abgesehen von dem bedauerlichen Umstand, dass die durchs Kirchenschiff rauschenden Klangmassen arg auf Kosten der Verständlichkeit des Textes aus der Guten Nachricht gehen, dürfen die vielen Anreger und Beteiligten allemal stolz sein: Es klappt, das Großprojekt!

In stilistischer Hinsicht ist die Frage nach Aufwand und Ertrag nicht so einfach zu beantworten. Da gibt es phantasievoll schöne Stellen wie die Beschreibung der Hungersnot durch tiefe Streicher, Blech und Schlagzeug. Da gibt es aber auch überladene, wenig organisch verbundene Passagen. Und auch, dass die Gesangssolisten als Sprecher zunehmend zu dramatischen Rufern werden, weckt die Sehnsucht nach stillen, kontemplativen Momenten.

Davon unabhängig war der Uraufführungsabend ein Beleg dafür, dass der wirklich kreative und sowieso unermüdliche Bernfried Pröve seinen Eifer manchmal bremsen sollte. Dass er zu Beginn die Spannung des Auditoriums durch eine Einführung schmälerte, in welcher er unter anderem betonte, wie wichtig ihm der Ton F ist, war schon unklug. Dass er aber in dem archaisch angehauchten Video-Film (von Florian Krautkrämer) auch selbst mit langem weißen Gewand und furchtbar entschlossenem Blick den Jakob mimt, also den Vater (!) Josefs – derlei wirkt eitler, als es ein schon recht anerkannter Komponist nötig haben sollte.

Um die musikalische Gesamtleitung machte sich Professor Manfred Ehrhorn verdient. Ehrdorns Studiochor, der Chor St. Katharinen und – als Stimme Gottes aus dem Rücken der Zuschauer agierend – die Camerata Vocale Braunschweig unter Barbara König kamen mit der ungewohnten und dem Vernehmen nach keinen Tag zu früh fertiggestellten Partitur prima zurecht. Auch das Sinfonieorchester Bohemia Prag war gut in Form, brachte sich ebenso engagiert ins Neuspiel ein wie der Organist Claus-Eduard Hecker und die in diversen Rollen tapfer agierenden Solisten Jacqueline Treichler (Sopran), Uta Grunewald (Mezzo) und Andreas Jäpel (Bariton). Lang anhaltender Applaus.

Wieder heute, 19.30 Uhr, in der Helmstedter Kirche St. Marienberg.

Von Harald Likus, Braunschweiger Zeitung, 05.07.2004